Leander Scholz: Nur eine Natur, die sich nicht mehr selbst erhalten kann, bedarf eines menschlichen management

Im Mai 2000 hat der Meteorologe Paul Crutzen zusammen mit dem Biologen Eugene Stoermer den Vorschlag gemacht, aufgrund des menschengemachten Klimawandels eine neue geochronologische Epoche auszurufen. Wurden die Erdzeitalter bislang durch wichtige naturhistorische Ereignisse definiert, wird der Mensch nun selbst zu einem solchen Ereignis, dessen Effekte anderen Umwälzungen wie der Eiszeit in nichts nachstehen. Das massive Auftreten des homo sa­piens beendet das bisherige Nacheiszeitalter, in dem die Flora und Fauna der Gegenwart entstanden sind. Die beiden Wissenschaftler haben daher angeregt, das neue Zeitalter als Anthropozän zu bezeichnen, eine Zusammensetzung aus ánthrōpos für Mensch und kainós für neu. Die Diskussionen dazu reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück, als die Menschheit erstmals mit einer Naturgewalt gleichgesetzt wurde. Als Gründe für die Einteilung nennen die Wissenschaftler die Zunahme der Weltbevölkerung, die Ausbeutung der Ressourcen, die Umgestaltung der Erde, die Freisetzung von Gasen, die Ausrottung von Arten, die Überfischung der Meere, die Abholzung der Wälder und die Erderwärmung. Auch ihren eigenen Beitrag zur Problemlösung machen sie deutlich: „An exciting, but also difficult and daunting task lies ahead of the global research and engineering community to guide mankind towards global, sustainable, environmental management.“

Bislang war die Menschengeschichte nur ein Unterkapitel der Erdgeschichte, die ungleich größere Zeiträume umfasst und die Bedingungen der menschlichen Existenz bestimmt. Unter den massiven anthropogenen Einwirkungen seit dem 19. Jahrhundert verändert sich dieses Verhältnis. Die Menschengeschichte wird zu einem gravierenden Kapitel der Erdgeschichte, und die Erdgeschichte erscheint für die Menschen erstmals nicht mehr fest gefügt. Denn das environmen­tal management, das sowohl soziale als auch natürliche Prozesse bis hin zum geoengineering umfasst, ist letztlich ein Management des gesamten Planeten. Die Aussicht auf diese übergroße Aufgabe ist eine unmittelbare Folge der vorausgegangenen Naturzerstörung, die mit dem Aufstieg der Menschheit zum terrestrischen Faktor einhergeht. Nur eine Natur, die sich nicht mehr selbst erhalten kann, bedarf eines menschlichen management. Daher ist die Herausforderung zugleich exci­ting und difficult und daunting. Die neue Epoche des Anthropozän ist eine Zäsur, die nicht nur die Geowissenschaften betrifft, sondern das gesamte menschliche Wissen, das in eine neue Phase seiner Generierung eintritt. Das neuzeitliche Wissen von der Natur und dem Menschen verdankt sich der Selbstbehauptung in einem potenziell feindlichen Kosmos. Das ökologische Wissen hingegen ist dem Umstand geschuldet, dass dieser Kosmos fragil ist und zugrunde gehen kann.

Das neue geochronologische Zeitalter, das unmittelbar mit dem Erscheinen der Menschen in der Erdgeschichte verbunden ist, markiert zugleich das Ende der anthropologischen Epoche im Sinne der Menschengeschichte. Denn längst ist die Biosphäre, in der sich das Leben auf der Erde vollzieht, zu einer Techno­sphäre geworden, in der sich natürliche und technische Faktoren untrennbar miteinander vermischen. Die Sorge um den Planeten zwingt die Menschen dazu, ihre technischen Errungenschaften mit den Lebewesen zu teilen, um die sie sich nun genauso kümmern müssen wie um sich selbst. Weil immer mehr natürliche Parameter in das staatlich-politische Handeln einbezogen werden müssen, um mit der Existenz anderer Lebewesen auch die menschliche Existenz zu retten, handelt es sich bei der res publica nicht mehr um eine alleinige Angelegenheit der Menschen. Aus dem Einschluss der Flora und Fauna der Erde in die technischen Konstruktionen der Menschenwelt resultiert die Ästhetik des Anthropozäns.

Die wissenschaftliche Arbeitsgruppe, die sich mit der Datierung der neuen Epoche beschäftigt, hat sich dafür ausgesprochen, die Mitte des 20. Jahrhunderts als den Zeitpunkt anzusehen, ab dem die anthropogenen Effekte signifikant sind. Dieses historische Datum wird als Beginn einer great acceleration verstanden. Seitdem zeichnet sich die moderne Gesellschaft durch eine enorme Beschleunigung aus, mit einem hohen Ressourcenverbrauch und einem permanenten Um- bau der urbanen und ruralen Räume. An dieser Dynamik kann das environmental management ansetzen. Die Erde wird zunehmend mit Sensoren ausgestattet, die Tierbestände werden mit Peilsendern versehen. Die natürlichen Netze werden mit den technischen Netzen verbunden. So wird eine neue Landschaft entstehen, die nicht mehr durch den Widerspruch zwischen agrarischer und industrieller Kultur geprägt ist. Die alten Industriezonen verschwinden zugunsten sauberer Industrieparks. Aus den schmutzigen Städten werden dann smart cities mit klimatischen Bedingungen wie auf dem Land. Die schädliche Landwirtschaft wird schließlich durch ein behutsameres digital farming ersetzt werden. Der alte zivilisatorische Gegensatz von Stadt und Land wird immer mehr abnehmen. Im Unterschied zum klassischen ästhetischen Konzept der Landschaft im 19. Jahrhundert muss die neue ökologische Ästhetik ihre technischen Konditionen nicht mehr verbergen. Wie die natürlichen Ökosysteme unterliegt auch der neue hybride Komplex einer ständigen Veränderung. Aber der sorgsam regulierte Stoffwechsel soll nun dazu führen, dass die bedrohte Umwelt stabil und der fragile Kosmos insgesamt erhalten bleibt. Das ökologische Paradigma hat mehr als hundert Jahre gebraucht, um sich durchzusetzen. Seine politisch-ästhetischen Auswirkungen werden eine neue Gesellschaft hervorbringen. Anders als viele glauben, geht es dabei nicht nur um ein umweltbewussteres Verhalten. Um wirksam zu sein, dürfen die ökologischen Maßnahmen keinen Unterschied mehr zwischen der Natur und dem Sozialen machen. Die gesellschaftlichen Beziehungen müssen ebenso ökologisch bewirtschaftet und gepflegt werden wie die neuen Naturräume. Nur so lässt sich die Kontinuität zwischen der Kultur und der Natur gewährleisten, ohne auf eine holistische Version ihrer Einheit zurückgreifen zu müssen. Die politische Ökologie muss mit dem sozialen und politischen Körper umgehen wie mit einer Natur. Erst der ausnahmslose Zugriff generiert einen durchgängigen Gegenstand. Das Ordnungsprinzip der Biodiversität, das die ökologische Stabilität garantiert, wird zum gesellschaftspolitischen Programm der di­versity. An die Stelle der nationalstaatlichen body poli­tic mit ihren standardisierten Massen tritt die Heterogenität individualisierter Gruppen, die ebenso wie die kuratierten Naturräume einem ökologischen Gleichgewicht zugeführt werden müssen. Die biologische Artenvielfalt wird in eine soziale Vielfalt von Menschenarten übersetzt, die klassifiziert, mit Identitäten versehen und mittels einer neuen Körperpolitik adressiert werden. Während sich die Umweltpolitik bislang auf die natürliche Umgebung bezog, verhält sich die Gesellschaft unter einer ökologischen Politik zu sich selbst wie zu einer Umwelt. Die Prinzipien der Ökologie gelten daher auch für die Menschenwelt.

Leander Scholz: Die Regierung der Natur. Ökologie und politische Ordnung, Berlin 2022, S. 138-143